Die Bergische Obstkammer

Die Bezeichnung Bergische Obstkammer beschreibt einen fruchtbaren Landstrich im Rhein-Wupperkreis und Leverkusen, in dem seit jeher Obstbau betrieben wird. Das Gebiet der Bergischen Obstkammer lässt sich geografisch grob umreißen durch die Dhünn im Süden, die Wupper im Norden, die bergischen Höhen im Osten und den Rhein im Westen.

Besonders kennzeichnend für dieses relativ kleine Gebiet sind die unterschiedlichen klimatischen Verhältnisse, die durch den Höhenunterschied von West nach Ost gegeben sind. Hinzu kommen unterschiedlichste Böden und verschiedene kleinklimatische Verhältnisse, wie zum Beispiel sonnenexponierte Hanglagen und kalt-feuchte Tallagen.

Besonders begünstigt für den Obstbau sind etwa die nach Süden gerichteten Hänge zwischen Mettmann und Overath oder die Lößböden im Bereich östlich von Leverkusen.

In den höheren Lagen ab 200 Meter ist nur noch eine sehr eingeschränkte Sortenauswahl für den erfolgreichen Anbau geeignet. Eine weitere Besonderheit für dieses Obstbaugebiet ist, dass die Wasserversorgung aufgrund der reichenhaltigen Niederschläge meist kein Problem darstellt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man in der Bergischen Obstkammer gute Voraussetzungen für hohe Erträge im Obstbau vorfindet, wobei die Rheinnahen Gemeinden aufgrund des milderen Klimas und der besseren Böden gegenüber den Gemeinden in den Höhenlagen im Vorteil sind. Somit liegt der Schwerpunkt des Obstbaus im Bereich der Niederwupper. Die Anfänge des Obstbaus in dieser Region lassen sich bis in das Jahr 1192 zurückverfolgen. In dieser Zeit und in den darauf folgenden Jahrhunderten wurde der Obstbau überwiegend von Mönchen betrieben oder den Pächtern der Klöster wurde es zur Auflage gemacht, Obstbäume zu pflanzen.

Vormals klösterliche Obstwirtschaft bringt der Region weltlichen Wohlstand

Aus verschiedenen Aufzeichnungen über die Jahrhunderte hinweg lassen sich der Obstbau und die Bedeutung dieses Wirtschaftszweiges für die Region verfolgen. Von den sogenannten Klosterhöfen sprang die Obstwirtschaft auf die „weltlichen” Höfe über. Es ist belegt, dass spätestens seit dem 15. Jahrhundert der Obstbau eine maßgebliche Rolle in der Landwirtschaft der unteren Wupper und im Bergischen Land einnimmt. Mit dieser zunehmenden Abhängigkeit der Landbevölkerung vom Obstbau gehen auch Hungerzeiten in schlechten Ertragsjahren einher.

Ebenso ist aber auch in verschieden Schriften beurkundet, dass spätestens ab dem frühen 18. Jahrhundert der Acker- und Obstbau in der Region zu einem bescheidenem Wohlstand der Landbevölkerung geführt hat. Von dieser Zeit an sind Hinweise darauf zu finden, dass Zucht und Sortenwahl beachtet werden. Auch die Obstbaumpflege findet Erwähnung.

Die Hochzeit des Obstbaus in der Bergischen Obstkammer wird durch Vinzenz Joseph Deycks eingeleitet. Er war von 1813 bis 1815 Bürgermeister in Opladen und davor Rat und Referendar am Gericht des Amtes von Miselohe. Nachdem die Region in den 1790er Jahren durch kriegerische Konflikte und Plünderungen größte Not erleiden musste, versuchte der Rat Deycks das Elend der Bevölkerung durch eine gezielte Förderung des Obstbaus zu lindern.

1797 legte er in Opladen im Mündungsgebiet des Wiembachs einen Mustergarten an. Aus diesem Obsthof wurden in den folgenden Jahrzehnten nicht nur die Bergischen Gemeinden mit Edelreisern und Jungbäumen beliefert, sondern auch weite Teile des Niederrheins und Westfalens. Er untersuchte das Zusammenspiel zwischen Sorte, Klima und Boden. Er bezog neue Sorten aus Belgien, Italien aber auch aus den Obsthöfen der umliegenden Klöster.

Dass wir heute das Werk und das Leben des Rates Deycks so gut nachvollziehen können, verdanken wir dem Heimatforscher und Dichter Vincenz von Zuccalmaglio, der in verschiedenen Schriften von seinem Verwandten Rat Deycks berichtet und sein Werk übernommen und ausgebaut hat. Der Anstieg der Obstbäume in der Region auf die stolze Zahl von 440.000 um 1900 (1831 wurden noch 115.000 gezählt) ist zum Großteil auf das Streben von Zuccalmaglio und seinen Anhängern zurück zu führen. 1878 benannte sein Schwiegersohn Diedrich Uhlhorn junior, der selbst Obstzüchter war, eine Apfelsorte nach ihm, die „Zuccalmaglios Renette”.

Quelle: BUND Lemgo

Einer der Anhänger Zuccalmaglios war Carl Hesselmann. Er studierte ebenfalls den Zusammenhang zwischen Sorte, Klima und Boden, legte Versuchs- und Mustergärten an, die weniger dem Erwerb als der Sortenselektion dienten. Er kann als einer der ersten „Sortenspezialisten” bezeichnet werden.

Ein weiterer wichtiger Name in der Geschichte der Bergischen Obstkammer ist der des Landrats Adolf Lucas. Ihm verdankt die Region eine Modernisierung der Absatzwege und die Anlage zahlreicher Mustergärten. 1916 gründete er die Kreis-, Obst- und Gemüse-Verwertungsgenossenschaft, heute Erzeuger-Großmarkt, die einen restlosen und glatten Obstabsatz garantierte. Er führte das Amt des Kreisgärtners und des Obstbaumwartes ein. Diese sollten die Obsterzeuger bei der Pflege, Pflanzung und Veredlung beraten und unterstützen. Unter Landrat Lucas stieg die Zahl der hochstämmigen Obstbäume in der Region auf über 500.000 im Jahr 1920.

Seit den 1930er Jahren änderte sich die Wirtschaftsweise in der Bergischen Obstkammer langsam, aber doch grundlegend. Der bis jetzt praktizierte Anbau als Hochstamm im Nebenerwerb wurde langsam, aber sicher durch den produktiveren Plantagenanbau als Haupterwerb abgelöst, um von Obstimporten unabhängig zu werden.

Im Jahr 1947 waren schon 25 % aller Apfelbäume in der Region Niederstämme. Dieser Trend setzte sich weiter fort um die zunehmende Nachfrage nach heimischem Tafelobst zu decken. Auch der Beginn von Obstimporten aus südlicheren Ländern in den 50er Jahren hat zu einem weiteren Rückgang des Obstbaus geführt. In den 60er und 70er Jahren wurden sogar Rodungsprämien für hochstämmige Obstbäume ausgezahlt. Diese Entwicklung führte zu einem rapiden Rückgang der Streuobstwiesen, der zum Teil bis heute nicht vollständig gestoppt werden konnte.

Bergisches Apfelkraut

Mit dem Ausbau des Obstbaus im Bergischen Land im 19. Jahrhundert hat auch die Bedeutung der Krautfabriken und Obstpressen stark zugenommen.

Die Geschichte der bergischen Obstpressen geht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Damals wurde noch überwiegend auf den Höfen für den Eigenbedarf in noch recht primitiven Konstruktionen das Obst gepresst.

Aus dem stark reduzierten, eingedickten Saft der Früchte wurde durch ein Pressverfahren ein Brotaufstrich hergestellt, welcher als „Apfelkraut”, „Apfelsirup” oder nur „Kraut” bezeichnet wurde. Dieser ist noch heute besonders im Rheinland eine regionale Spezialität.

Um die riesigen Mengen an Obst, dass mittlerweile in der Bergischen Obstkammer geerntet wurde, verarbeiten zu können, wurde das Pressen bzw. die Krautfabrikation ab Anfang des 19. Jahrhunderts „industrialisiert”. Dieser „Boom” hielt bis in das 20. Jahrhundert an. Zu dieser Zeit waren allein in Bergisch-Neukirchen 8 Krautpressen ansässig.

Als Pioniere dieses Wirtschaftszweiges sind Johann Wirtz aus Bergisch-Neukirchen bzw. seine Nachfahren zu nennen. Er baute eine der ersten Pressen und perfektionierte diese Technik, als man sich ab 1930 die Wasserkraft für hydraulische Pressen nutzbar machen konnte.

Anfang des 20. Jahrhunderts verschwanden viele Pressen, da aufgrund der Sortenempfehlungen von Carl Hesselmann nun viel Tafelobst der Edelsorten geerntet und so der Handel mit Lokalsorten und Süßäpfeln als Rohstoff der Krautfabriken stark geschwächt wurde. Nur wenige Krautpressen konnten sich rechtzeitig auf diesen Wandel einstellen.

So die Firma Wirtz und Söhne. Sie spezialisierte sich auf die Produktion von naturreinem und hochwertigem Apfelkraut. Um die Nachfrage zu decken, wurden neben den „einheimischen“ Äpfeln auch Äpfel aus Holland, von der Mosel und Niederrhein importiert und verarbeitet. Das Kraut wurde überwiegend auf dem europäischen Festland abgesetzt, aber auch Kunden aus China, Australien, England, Russland und Amerika finden sich in den Auftragsbüchern der Firma Wirtz und Söhne.