Müssen Obstbäume geschnitten werden?

Obstbäume sind sehr attraktive Gehölze, die dem Betrachter zu jeder Jahreszeit einen tollen Anblick bieten. Im Frühling begeistern ihre üppigen Blüten, im Herbst das farbenprächtige Laub und das leckere Obst und im Sommer sind sie Schattenspender. Selbst im Winter bieten Obstbäume mit ihrer knorrigen und verzweigten Silhouette ein schönes Bild.

Um den Baum möglichst lange möglichst gesund und schön zu erhalten, bedarf es allerdings einer guten Pflege. Besonders wichtig ist dabei der richtige Schnitt.

Alternativen zum Obstbaumschnitt

Alternativen zum Schnitt gibt es bei Obstbäumen keine. In einzelnen Fällen ist es jedoch nicht immer notwendig den Ast gleich zu entfernen oder stark zu beschneiden. Es besteht die Möglichkeit die Wuchsrichtung des Astes durch Anbinden oder Abspreizen zu beeinflussen. Diese Maßnahmen lassen sich allerdings bei älteren Bäumen nur noch sehr begrenzt durchführen.

Größere Erfolgsaussichten bestehen bei Obstbäumen im Jugendstadium. Um zu steile Triebe, welche die Krone zu schmal und lichtundurchlässig werden lassen, abzuspreizen, werden Spreizhölzer zwischen die Stammverlängerung und den entsprechenden Ast geklemmt.

Wächst ein Trieb zu flach nach unten, läuft er Gefahr nutzlos zu werden, da er zu schwach wird, um sich für den Aufbau einer Krone zu eignen. Um zu verhindern, dass er letzten Endes entfernt werden muss, kann er an die Stammverlängerung gebunden und damit etwas aufgerichtet werden.

Der beste Zeitpunkt für den Schnitt

Obstbäume können im Sommer oder im Winter geschnitten werden. Ursprünglich haben viele Landwirte ihre Bäume im Winter geschnitten, weil das am besten zu ihrem Arbeitsrhythmus passte. Diese Gewohnheit hat sich eingebürgert und wurde auch von vielen privaten und nichtkommerziellen Obstbauern übernommen.

Tatsächlich besteht aber kein zwingender Grund den Schnitt nur im Winter durchzuführen. Winter- und Sommerschnitt haben unterschiedliche Auswirkungen auf die weitere Entwicklung der Baumkrone. Abhängig von dem Ziel, welches bei dem Gehölz verfolgt wird, sollte über den geeigneten Schnittzeitpunkt entschieden werden. Mit dem Sommerschnitt wird das Wachstum etwas eingedämmt, mit dem Winterschnitt gefördert.

Der Winterschnitt kann in der Regel zwischen Februar und April durchgeführt werden. Ausschlaggebend dafür ist die Außentemperatur. Der Schnitt sollte nicht vor Ende der Frostperiode stattfinden. Bei -5° Celsius oder niedrigeren Temperaturen kann kein sauberer Schnitt mehr durchgeführt werden und es besteht die Gefahr, dass der Baum an den Schnittstellen nicht mehr richtig abheilen kann und seine Frostresistenz einbüßt. Ein zu später Schnitt, wenn der Baum bereits ausgetrieben hat, ist ebenso wenig ratsam, da in diesem Fall viel Kraft vergeudet wird, die das Gehölz bereits auf den Austrieb verwendet hat.

Der Sommerschnitt beginnt Anfang bis Mitte Juni mit dem Sommerriss: Kleine, noch nicht verholzte Triebe können einfach von Hand abgerissen werden. Auf diese Weise werden unbrauchbare Triebe schnell und ohne viel Aufwand beseitigt. Es sollte aber darauf geachtet werden, dass die Mehrzahl der Triebe ihr Wachstum abgeschlossen hat, damit es nach dem Ausreißen nicht sofort zum Neuaustrieb kommt. Direkt im Anschluss an den Sommerriss bis Ende August beginnt die Zeit für den Schnitt des einjährigen Zuwachses. Hier können unbrauchbare Triebe bis hin zu ganzen Astpartien abgeschnitten werden.Es ist möglich, den Sommerschnitt so intensiv durchzuführen, dass er den Winterschnitt vollständig ersetzt.

Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass diese Angabe selbstverständlich nicht einfach auf alle Bäume übertragen werden kann. Es handelt sich lediglich um Richtwerte. Obstbäume unterscheiden sich in Alter, Position, Art und Sorte, Gesundheit und anderen Faktoren. Diese Faktoren bestimmen am Ende, wie der Baum auf den Schnitt reagiert. Zudem ist anzumerken, dass wissenschaftlich nicht erwiesen ist, welche Methode, der Sommer- oder Winterschnitt oder beide in Kombination, die wirkungsvollste ist. Bei den Fachleuten gehen die Meinungen darüber weit auseinander und in Fachbüchern zum Obstbaumschnitt finden sich sehr unterschiedliche Ratschläge, was dieses Thema betrifft.

Allgemeine Faustregeln

Beim Kürzen eines Astes gilt die Regel, dass immer oberhalb einer Knospe geschnitten wird. Alle Längenangaben sind daher nur Richtwerte in deren Bereich eine Knospe gewählt werden soll.

Der stärkste Austrieb erfolgt immer an der höchsten Knospe. Es ist daher wichtig, den Zweig auf eine nach außen stehende Knospe zu schneiden. Auf diese Weise wird der neue Ast nach außen wachsen und dadurch die natürliche Wuchsform der Krone (nach oben hin breiter) unterstützen. Bei einer nach innen stehenden Knospe würde der gegenteilige Fall eintreten, der Ast wächst nach innen und die Krone wird unerwünscht dicht.

Einzelne Äste müssen bei hohem Fruchtbehang sehr viel Gewicht aushalten können. Die besten Aussichten unter dem Gewicht nicht abzubrechen haben Äste, die nicht zu flach am Stamm stehen. Ein idealer Winkel liegt bei 45 Grad. Diese Regel sollte beachtet werden, wenn Äste zum Schnitt ausgewählt werden.

Beim Rückschnitt sollte darauf geachtet werden, dass alle Leittriebe auf gleiche Höhe gebracht werden. Dies darf nicht mit der Trieblänge verwechselt werden. Aufgrund unterschiedlicher Ansatzhöhe am Stamm ist ihre Länge automatisch ungleich, sie enden lediglich auf gleicher Höhe, also in einer waagerechten Linie. Dieses Prinzip nennt sich Saftwaage. Die Stammverlängerung sollte eine Handbreit über dieser Linie geschnitten werden.

Je stärker der Rückschnitt, desto stärker der Austrieb. Ein starker Austrieb ist einerseits ein gutes Zeichen, denn es bedeutet, dass der Baum gesund und vital ist. Andererseits heißt es gleichzeitig, dass die vielen Neutriebe schnell und richtig behandelt werden müssen. Nur die stärksten, mit der besten Ausrichtung sollten am Baum belassen, alle anderen entfernt werden, um die Ordnung der Krone nicht zu gefährden. Beim Absägen von Ästen und Zweigen darf nie einfach von oben nach unten durchgesägt werden. Hierbei besteht die Gefahr, dass der Ast abbricht, sobald er ein Stück weit angesägt ist und beim Brechen einen Teil des Stammes mit herausreißt. Dadurch kann eine unheilbare Wunde am Baum entstehen. Daher ist es wichtig als Erstes einen Anschnitt von unten vorzunehmen und erst danach den Ast von oben versetzt abzusägen.

Ist Schnitt gleich Schnitt?

Nicht nur auf den richtigen Zeitpunkt kommt es beim Obstbaumschnitt an, sondern auch auf die Art des Schnitts. Es kann zwischen diesen verschiedenen Arten unterschieden werden: dem Pflanzschnitt, dem Erziehungsschnitt, dem Ertragsschnitt, dem Erhaltungsschnitt, dem Verjüngungsschnitt und dem Fruchtholzschnitt.

Vor der Verpflanzung in der Baumschule werden die Wurzeln des Baumes in einem Radius von ca. 20-25 cm um den Stamm herum abgestochen. Ein Baum mit vielen kräftigen Trieben hat an seinem neuen Standort mit derart kurzen Wurzeln kaum die Möglichkeit all seine Triebe ausreichend zu versorgen. Der Pflanzschnitt dient dazu, diese Triebe so zu kürzen, dass die Nährstoffe, die der Baum herbeischaffen kann, ausreichen, um sein Wurzelsystem weiter auszubilden. Findet kein Pflanzschnitt statt, kann dies dazu führen, dass der Obstbaum kümmerliche Neutriebe bildet und die Äste auf einer langen Strecke kahl bleiben. Bei Kernobst, wie Apfel oder Birne, können die Äste um ein Drittel gekürzt werden, bei Steinobst wie der Kirsche um zwei Drittel. Bei der Wahl der Äste sollte ein zentraler Ast als Leittrieb und zwei oder drei weitere als Seitentriebe ausgesucht werden. Bis auf den Leittrieb, der 20- 30 cm länger bleiben sollte, sind die anderen Äste ungefähr auf gleicher Höhe zu schneiden. Dabei ist es kein Problem, dass höher stehende Äste stärker gekürzt werden, als tiefer stehende. Hat der Baum insgesamt zu viele Äste, sollten alle bis auf drei oder vier Leitäste entfernt werden.

Erst wenn sich kräftige Neutriebe gebildet haben, ist es Zeit für den ersten richtigen Schnitt. Dieser Erziehungsschnitt bildet die Grundlage für die weitere Gestaltung und den Wuchs des Baumes. Die Erziehung dauert in der Regel um die vier bis sechs Jahre. Dabei werden die Verlängerungstriebe der Äste auf eine äußere Knospe geschnitten. Bei insgesamt schwachem Wachstum sollte ein kräftiger Leittrieb herausgearbeitet werden. Ziel ist es, die Krone so auszuformen, dass alle Äste in gleichem Maße besonnt werden, sich in gleicher Stärke und gleichmäßig verteilt ausbilden können.

Ein Ertragsschnitt wird bei Obstbäumen durchgeführt, die in erster Linie auf einen hohen Ertrag ausgerichtet werden. In diesen Fällen werden Blätter und Seitentriebe auf ein Minimum reduziert, sodass dem Baum all seine Kraft für die Früchte bleibt. Ziel ist es, den Baum so auszulichten, dass nach dem Austrieb jede Frucht und jedes Blatt optimal von den Sonnenstrahlen erreicht werden und sie sich nicht gegenseitig verschatten.

Nach vier bis sechs Jahren ist die Erziehungsphase bei den meisten Bäumen abgeschlossen, sie haben die gewünschte Größe und Form erreicht. Nun geht es darum, sie in dieser Weise zu erhalten. Man nennt daher den Schnitt auch Erhaltungsschnitt. Die Krone soll weiterhin lichtdurchlässig bleiben, weswegen ein regelmäßiges Auslichten wichtig ist. Darüber hinaus müssen Äste, die die gewünschte Form der Baumkrone stören und aus der Krone hinauswachsen, gekürzt oder entfernt werden.

Der Verjüngungsschnitt wird bei älteren Bäumen angewandt, die aufgrund mangelnder Pflege kein starkes Wachstum mehr aufzeigen und auch weniger Obst tragen, als in den ersten Jahren. Wenn sie trotzdem erhalten bleiben sollen, muss die Baumkrone radikal zurückgeschnitten werden. Es darf auf die Hälfte oder sogar ein Drittel des ursprünglichen Volumens reduziert werden. Dadurch erlangt der Baum neue Kraft und bildet zahlreiche neue Triebe aus. Damit diese nicht unkontrolliert wachsen, muss nach einem starken Verjüngungsschnitt abermals eine Art Erziehungsschnitt durchgeführt werden, um die neuen Äste in die richtige Position zu bringen. Ein Verjüngungsschnitt wird nicht ausschließlich bei alten Bäumen angewandt. Er kann auch in anderen Situationen sinnvoll sein, wenn zum Beispiel durch einen Sturm große Teile der Krone herausgebrochen sind: Um wieder ein gleichmäßiges Bild zu erzielen und gleichmäßig starke Triebe zu erhalten, sollten alle Äste stark zurückgeschnitten werden.

Zwischendurch muss auch das Fruchtholz geschnitten werden. Der Fruchtholzschnitt ist angebracht, sobald Blütenzweige drei- bis viermal Früchte getragen haben. Die Hälfte eines solchen Astes sollte in diesem Fall entfernt werden. Am besten schneidet man den alten Astteil direkt hinter einem Oberseitentrieb ab. Dieser wird sich bei neuem Fruchtbehang wieder leicht nach unten abhängen, so wie es bei dem alten Trieb der Fall war.

Was bedeutet Fruchtholz?

Es wird bei Obstgehölzen zwischen Frucht- und Holztrieben unterschieden. Wie der Name schon sagt, sind es die Fruchttriebe, an denen das Obst wächst. Zu unterscheiden sind beide an der Art der Knospen. Die Holztriebe weisen ausschließlich Blattknospen auf, wohingegen an den Fruchttrieben mindestens eine, in der Regel aber mehrere, Blütenknospen zu finden sind.

Folgen eines fehlerhaften Schnitts

Wird der Schnitt falsch oder überhaupt nicht vorgenommen, kommt es zu einer unsachgemäßen Ausbildung der Krone. Die Hauptfolge ist ein geringerer Fruchtertrag, da sich die Äste nicht in optimaler Lage befinden und die Krone wahrscheinlich viel zu dicht zugewachsen ist. Bei Stürmen oder starken Fruchtbehang brechen Äste leichter ab und können dem Baum dadurch schwerheilbare Wunden zufügen. Bei sehr dichtem Astbestand kann es leicht zu Pilzbefall kommen, da die Äste nicht mehr viel Licht erreicht und sie dadurch nur sehr langsam oder gar nicht trocknen.

Auch wenn die Schnitttechnik nicht richtig beherrscht wird, können Schäden am Baum entstehen. Ein Ast sollte so zum Beispiel immer erst von unten angesägt werden, bevor er endgültig von oben her versetzt entfernt wird. Passiert dies nicht, bricht er frühzeitig ab und schädigt den Stamm.

Abschließend möchten wir noch einmal darauf hinzuweisen, dass diese Angaben selbstverständlich nicht einfach auf alle Bäume übertragen werden können. Es handelt sich lediglich um Richtwerte. Obstbäume unterscheiden sich in Alter, Position, Art und Sorte, Gesundheit und anderen Faktoren.

Hinweise zu vertiefender Literatur

„Eipeldauers Obstbaumschnitt”
In „Eipeldauers Obstbaumschnitt“ (von Anton Eipeldauer, 1991) wird ausführlich und auch für Anfänger gut verständlich beschrieben, wie der richtige Obstbaumschnitt durchzuführen ist. Mit zahlreichen Zeichnungen werden die Erklärungen veranschaulicht.

„Obstgehölze sachgemäß schneiden”
Sehr übersichtlich gestaltet ist das Buch „Obstgehölze sachgemäß schneiden“ von Paul Gerhard Wilhelm (1991). Beginnend mit theoretischen Grundlagen, führt langsam in die Praxis ein und erläutert sehr gut verständlich auch für den Laien, die Vorgehensweise des richtigen Schnitts.

„Obst anbauen”
Das Buch „Obst anbauen” von Harry Baker (1980) befasst sich nicht ausschließlich mit dem Schnitt, sondern dem gesamten Anbau. Die Kapitel sind aber nach einzelnen Obstsorten gegliedert und bieten dem fortgeschrittenen Hobbyobstbauern daher noch genauere Informationen bezüglich des Schnitts bei einer spezifischen Sorte.

Literaturnachweise:

Dreyer, Olaf (o. J.): „Obstbaumschnitt – Wissenswertes“.
URL: http://www.obstbaumschnitt.de/index.php?id=8 [Stand: 28.10.2013]

Eipeldauer, Anton (1991): „Eipeldauers Obstbaumschnitt“. Österreichischer Agrarverlag, Wien.

Funke, Werner (1984): „Der Obstgehölzschnitt“. BLV Verlagsgesellschaft mbH, München.

Hausgarten.net (o. J.): „Obstbaumschnitt – Obstbäume richtig schneiden“.
URL: http://www.hausgarten.net/obst-obstgarten/obstgarten-pflegen-pflege/obstbaeume-verschneiden-schnitt.html [Stand: 28.10.2013]

Höger-Martin, Olaf (o. J.): „Obstbaumschnitt Grundlagen”.
URL: http://www.hoeger-net.de/pdf/Baumschneidekurs1.pdf [Stand: 28.10.2013]

Janssen, Helmut; Kennel, Winfried; Winter, Fritz; u.a. (1992): „Lucas‘ Anleitung zum Obstbau“. Ulmer Verlag, Stuttgart.

Riess, Hans Walter (1995): „Obstbaumschnitt in Bildern“. Obst- und Gartenbauverlag, München.

Schmid, Heiner (1987): „Obstbaumschnitt”. Ulmer Verlag, Stuttgart.

Wilhelm, Paul Gerhard (1991): „Obstgehölze sachgemäß schneiden“. Falken-Verlag, Niedernhausen.